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1st class: Introduction to Social Theory

 

Der Gastvortrag zu Sozialtheorie war für mich zwar nicht obligatorisch, wurde aber von einigen meiner neuen Kommiliton*innen besucht und mir von meinen Dozentinnen als Einstiegskurs empfohlen. Zu Beginn der Unterrichtseinheit erkundigte sich die Dozentin wie viele Studierende aus welchen Studiengängen kamen und in welchen Sprachen sie den Kurs gestalten sollte. Da einige Probleme mit Englisch hatten, andere – wie ich – jedoch weder Hindi noch Maharati sprechen konnten, entschied sie sich, zwischendurch von Englisch in Maharati zu switchen, um alle Studierenden mitnehmen zu können.

 

Zunächst kam ein Unterrichtsgespräch zustande, bei welchem Studierende über ihr Vorwissen zu Sozialtheorien befragt wurden. Die Dozentin betonte in ihren darauf folgenden Ausführungen, dass bekannte Sozialtheorien nur von weißen europäischen Männern stammen und sie ihre Studierenden lehrt, nie eine Theorie einfach zu übernehmen, sondern sich stattdessen selbst als „theory makers“ zu identifizieren. Ab diesem Punkt begann es, interessant für mich zu werden.

Da mich die Thematik im Verlauf der Sitzung immer mehr mitgerissen hat und die Dozentin mit ihrem Vortrag eine tolle Grundlagen zum Verständnis von Geschlechterkonstruktionen schuf, habe ich im Folgenden eine Zusammenfassung des Inhalts der Stunde verfasst.

 


Sozialtheorien erklären soziale Phänomene – z.B. wieso es Ungerechtigkeit und Gewalt gibt – also die soziale Realität, welche sozial konstruiert ist. Erklärungen sind ebenso wie die Sprache, welche für diese Erklärungen genutzt wird, dabei Teil dieses Konstruktionsprozesses. Laut Émile Durkheim ist jede soziale Handlung, die sozialen Zwängen unterliegt ein sozialer Tatbestand (hier: a social fact). 

Beispiel: Obwohl Suizid eine individuelle Handlung ist, ist er kein persönliches Phänomen, sondern eine soziale Tatsache, die unbewusst durch soziale Zwänge beeinflusst wird. Beispielsweise lässt sich in Indien ein Zusammenhang zwischen dem sozialen Druck auf unverheiratete Männer, sowie dem Maskulinitätsdruck innerhalb der Gesellschaft und der hohen Suizidrate von Männern erkennen.

 

Die soziale Welt ist keine natürliche, sie ist sozial konstruiert. Menschen unterscheiden sich ebenso voneinander, wie ihre Erklärungen für soziale Phänomene und die dafür verwendete Sprache. Soziale Zwänge beeinflussen dabei unsere Wahrnehmung, sowie die Bedeutungen sozialer Handlungen. Um zu einer objektiven Betrachtung sozialer Tatsachen zu gelangen muss sich der Betrachtende deshalb von seiner subjektiven Wahrnehmung lösen.

 

Nach einer 15-minütigen Chai-Pause stellte die Dozentin eine Frage, die wir mit unseren Kommiliton*innen diskutieren sollten:

Ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen eine soziale Tatsache oder soziale Realität? 

Mit meiner Nachbarin, die ebenfalls Gender Studies studierte, kam ich ziemlich schnell zu dem Ergebnis, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen – the difference of gender - zwar sozial konstruiert aber genau dadurch Teil der sozialen Realität und somit auch eine soziale Tatsache ist.

 

Nun wurde eine weitere Frage der Dozentin, "is the difference between women and men made by god/ given by nature or is it made by society?" diskutiert. Die Antworten waren vielfältig und kamen u. a. zu dem Ergebnis, „that the difference between women and men is made by nature and by society.“

Ist gender tatsächlich biologisch oder ist es konstruiert?

Feministische Sozialtheorien besagen, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen nicht biologisch bedingt ist, sondern erst durch die Konstruktion von Maskulinität und Feminität zur sozialen Realität wird. Feministische Konzepte erklären die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zudem anhand der konstruierten Hierarchien und Ressourcenverteilungen innerhalb der Familien.

Geschlechterkonstruktionen sind nicht nur für Frauen, sondern ebenso für Männer ein Problem – insbesondere für junge Männer, die familiären und gesellschaftlichen Normen unterworfen sind, welche wiederum von der am meisten dominierenden Gruppe festgelegt werden.

 

Da es keine zwei, sondern fünf Geschlechter mit verschiedenen Chromosom-Kombinationen gebe – meines Wissens nach geht aus medizinischen Erkenntnissen hervor, dass es um die 30 gibt – ist der Unterschied zwischen sex und gender genauso wie der Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht binär, sondern fluid.

Ein weiteres Fazit der Stunde war, dass Feminismus ein sozialer Tatbestand ist, da feministische Theorien die realen Erfahrungen von Frauen beschreiben.


 

Ein vermeintlich religiös-konservativer Mann aus der vorletzten Reihe konnte die Erschütterung seines traditionellen Weltbild nun nicht mehr auf sich sitzen lassen. Er begann auf Maharati seine hinduistischen Geschlechtervorstellungen zu verteidigen. Obwohl ich kein Wort verstand, konnte ich mir anhand seiner aufgebrachten und ansteigend emotionaler werdenden Stimme den Inhalt seines Beitrags erschließen – meine Nachbarin bestätigte mir meine Schlussfolgerungen. Soweit ich das ohne jegliche Maharati-Kenntnisse interpretieren konnte, versuchten die Dozentin und eine Studierende daraufhin ruhig und sachlich das Problem der Konstruktionen von Geschlechterrollen innerhalb der Religionen zu erläutern. Die Stellungnahme des Studierenden bestätigte jedoch die Theorie, dass es nicht möglich ist, soziale Tatsachen objektiv zu fassen, solange man in der eigenen subjektiven Wahrnehmung gefangen ist.