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Einige unerwartete Eindrücke nach meiner Ankunft in Indien

 

Vor meiner Reise nach Indien war ich von verschiedenen Menschen auf einige Dinge vorbereitet worden und hatte dadurch leider eher negative als positive Erwartungen an meinen Alltag in Pune und die Erfahrungen, die ich in Indien machen würde. Da ich jedoch auch nicht in der Hoffnung, in einem Bollywood-Film, einem Esoterik-Paradies oder einem Osho-Resort zu landen, nach Indien gekommen war, konnte ich weniger enttäuscht werden, als manch andere Person. Das Gegenteil war sogar der Fall: Nach all den negativen Kommentaren zu meinem Vorhaben, diversen Warnungen und den Horrorstorys, die beim Weitererzählen eventuell noch etwas ausgeschmückt worden waren – nur wenige hatten mir etwas über die positiven Seiten des unglaublich heterogenen und vielseitigen Landes berichtet – konnte ich nur positiv überrascht werden. 

 

Die ersten Irritationen und positiven Eindrücke nach meiner Ankunft machten mir allerdings auch bewusst, wie stark die in Deutschland bekannten Halbwahrheiten und Verallgemeinerungen über Indien und seine Bevölkerung bereits in meinem Unterbewusstsein verankert waren. Da ich es liebe, Stereotype zu durchbrechen und andere Menschen ebenso wie mich selber vom Gegenteil eigener Annahmen über die Welt zu überzeugen, bereitete es mir eine Menge Freude, zu beobachten, wie sich einige der mir bekannten Vorurteile nach kurzer Zeit in Luft auflösten. 


Meine erste positive Erfahrung machte ich bereits in Mumbai, nachdem ich mich entgegen aller Warnungen spontan dazu entschieden hatte, mir einen Host über Couchsurfing zu suchen. Eine Entscheidung, die ich unter Beachtung einiger wichtiger Kriterien jeder Zeit wieder treffen würde.

Auch die Nacht in Mumbai, die wir in einem Club verbrachten, hinterließ einen überraschend positiven Eindruck bei mir: Es herrschte eine sehr angenehme durch awareness geprägte Atmosphäre, die ich so nicht gewohnt war. Anders als ich es vom Feiern kenne, kam nämlich niemand auf den Gedanken, sich einer Person ungefragt körperlich zu nähern. Ein Mann entschuldigte sich sogar bei mir, nachdem ich ihn aus Versehen selber angerempelt hatte. Als plötzlich ein Glas zu Bruch ging, war sofort jemand zur Hand, um die Scherben aufzufegen, während um die fünf Leute mit ihren Handy-Taschenlampen für Licht sorgten, bis die letzte kleine Glasscherbe vom Fußboden verschwunden war.

 

Als ich am nächsten Tag mit dem Bus nach Pune fuhr, saß eine junge Frau mit einer Dupatta – die Bezeichnung für die indische Kopfbedeckung – neben mir, deren wunderschönes traditionelles Outfit viel Bauch sehen ließ. Die Kombination aus Bauchfrei und „Kopftuch“ sorgte innerhalb meiner eurozentrischen Weltsicht erst einmal für Irritation. Ich hatte zuvor bereits erfahren, dass einige ältere Frauen in Indien bauchfrei rumliefen. Mir war allerdings nicht bewusst, dass die bauchfreie Kombination aus Lehenga und Choli, sowie eine der Wickelvarianten des indischen Saris, bei welcher der Bauch ebenfalls zu sehen bleibt, auch von einigen jüngeren Inderinnen im Alltag getragen wird und das Tragen bauchfreier Kleidung hier entgegen einiger westlicher Annahmen keinen Tabubruch darstellt.

Inzwischen erscheint es mir auch so, dass Body-shaming trotz der sexistischen Werbeplakate, die hier ebenfalls ein zugleich sexualisierendes und determinierendes Idealbild weiblich gelesener Körper reproduzieren, kein allzu großes Thema ist (lediglich eine Annahme). Entweder du zeigst deinen Bauch mit Stolz – auch wenn er medialen Idealbildern nicht entspricht – oder du trägst einfach weite luftdurchlässige Kleidung. Während ich in Deutschland bei wärmeren Temperaturen gerne kurze Sache trage, finde ich es hier eigentlich sehr angenehm, im Alltag in Pyjama-ähnlicher Kleidung herumzulaufen. Ich fühle mich aber auch in Skinny Jeans und schulterfreiem Oberteil wohl, da sich hier auch andere junge Frauen so kleiden und ich in Pune noch keine direkten Erfahrungen mit catcalling oder ähnlich respektlosem Verhalten gemacht habe. Schüchterne oder neugierige Blicke, die mir auf der Straße zugeworfen werden, kann ich gekonnt ignorieren und zudem auch nachvollziehen, da ich als blonde Frau doch eher eine Seltenheit in Pune darstelle. Nach meinen bisherigen Erfahrungen würde ich sagen, dass man sich in Pune als Frau ziemlich frei und sicher bewegen kann. Denn obwohl Frauen in diversen Flyern und Broschüren über Indien davon abgeraten wird, im Dunkeln alleine unterwegs zu sein, fühle ich mich in der Gegend um mein Hostel in Aundh sicher genug, dies trotzdem gelegentlich zu tun – und das ohne irgendwelche Probleme. Wie ich bereits in meinem Artikel zu Verkehr und zur Fortbewegung in Pune erwähnt hatte, mache ich mir auch beim Uber-Taxifahren bei Nacht keine Sorgen. Mit meinen Erfahrungen kann ich natürlich nur für Pune sprechen, da ich bisher kaum herum gekommen bin und weiß, dass es in anderen Gegenden ganz anders aussehen kann.

 

Eine weitere Beobachtung, die mich positiv überraschte, ist das Leben mit den Straßenhunden. Ich würde mich selber nicht gerade als Hunde-Liebhaberin bezeichnen und gerate auch gelegentlich in Panik, wenn ein Hund auf mich zu gerannt kommt, dessen Intention ich nicht einschätzen kann. Die Straßenhunde, welche vor meinem Hostel herum lungern bereiten mir jedoch absolut keine Sorgen, da sie höchstens schwanzwedelnd neben einem her laufen, wenn sie dich nicht komplett ignorieren wollen. Auf mich wirkt das Zusammenleben zwischen den Straßenhunden und den Menschen in Pune sehr harmonisch: Zu Fuß Gehende werden von keinem der Hunde angesprungen, während die Hunde von den Menschen auch nicht daran gehindert werden, friedlich auf dem Bordstein vor sich hin zu dösen oder durch die Straßen zu spazieren. Leider lässt es sich bei dem Verkehr hier nicht vermeiden, dass hin und wieder ein Hund unter die Räder kommt.