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Gender Theory in India/ Major Themes in India

 

Egal ob in Deutschland oder Indien, jedes mal wenn ich gefragt werde was ich studiere, merke ich, dass niemand so richtig weiß, welche Thematiken im Studiengang Gender Studies eigentlich behandelt werden. Bisher war ich es gewohnt, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden, von Personen, die zum Teil nicht einmal wussten, was der englische Begriff gender eigentlich bedeutet, aber trotzdem eine Meinung zu der Thematik hatten – natürlich ohne jegliches Hintergrundwissen.

In Indien wurde ich nun gefragt, ob ich die Menstruation von Frauen und die „weibliche Psyche“ – was auch immer das sein soll – studiere. Oder ob ich die von einem Schweizer gegründete NGO „GenDerations“ kenne, welche die Projekte „Boys to Men“, „Girls to Women“, „Man to Men“ und „Woman to Women“ ins Leben gerufen hat – Projekte, die eher das Gegenteil von dem unterstützen, was ich studiere: nämlich die Ursprünge von Geschlechterungleichheit, Diskriminierungsformen und damit verbunden auch die historische und gesellschaftliche (De-)Konstruktion von Geschlechter-, bzw. gender-Rollen.

 

Um einen Einblick in meinen unglaublich interessanten Studiengang zu bieten, habe ich den Inhalt meiner ersten Kurseinheiten im Modul „Major Themes in India“ zusammen gefasst.


 

Im Fokus meiner ersten zwei Kurseinheiten stand die Leitfrage, welchen Herausforderungen sich die Women’s Studies in der Wissenschaft stellen mussten, bzw. müssen. Thematisiert wurde zunächst das vermeintlich objektive und rationale Wissen über den Körper innerhalb der Sozialwissenschaften des letzten Jahrhunderts, sowie deren colour blindness. Denn die bis dahin dominierende Wissensproduktion veränderte sich erst durch die Förderung der Bildung von Frauen in den 60er und 70er Jahren. Auch die epistemische Gewalt von imperialer und kolonialer Wissensproduktion wurde in diesem Zusammenhang problematisiert, da das Wissen über die Welt und über gender immer von westlichen, bzw. weißen Männern produziert wurde und die Konstruktion der „weißen Frau“ dabei als Norm galt – Diskriminierungsmechanismen im Leben von women of colour  wurden auch von weißen Feminist*innen lange Zeit nicht thematisiert.

 

Ebenso wie die Thematisierung von race, class, gender und sexuality  sind in Indien auch die Auswirkungen der Diskriminierung aufgrund der Kasten-Zugehörigkeit für die Women’s Studies relevant. Denn verschiedene Diskriminierungsmechanismen tragen dazu bei, dass die Erfahrungen, die Frauen in ihrem Alltag machen, nicht universell, sondern durchaus verschieden sind. In Anbetracht dieser Tatsache ist es innerhalb der Women’s Studies wichtig, die Personen, welche aufgrund eines einzigen gemeinsamen Merkmals unter der Kategorie „Frauen“ zusammengefasst werden, als Subjekte zu betrachten, die sich trotz einer kategorialen Einordnung durch ihre Diversität voneinander unterscheiden.

 

Die genannten Verstrickungen stellen für die Qualität, die Gleichheit und die Diversität der Forschung innerhalb der Women’s Studies eine Herausforderung dar, aufgrund welcher es besonders wichtig ist, kritisch und interdisziplinär vorzugehen. 


So sieht die Tafel in einem unserer Kursräume seit Beginn des Semesters aus :)
So sieht die Tafel in einem unserer Kursräume seit Beginn des Semesters aus :)

Die zweite Leitfrage des Kursabschnitts lautete: Do we need to discipline gender or to engender disciplines? 

 

Die Bedeutungen von Kategorien, insbesondere der von gender sind nicht konstant oder universell. Deshalb befassen sich die Women’s Studies mit Konzepten, die über die sex- und gender-Kategorien hinaus gehen. Da die genannten Kategorien jedoch Teil der sozialen Realität sind, können wir uns auch nicht von ihnen emanzipieren. Stattdessen betrachten wir gender als existierende, aber flexible Kategorie. Innerhalb der Women‘s Studies dekonstruieren wir gesellschaftlich konstruierte Kategorien, indem wir ihren Ursprung und ihre Bedeutung im historischen Kontext betrachten. Anstatt also gender als eine eigene Disziplin zu erfoschen, gehen wir interdisziplinär vor. Aus diesem Grund können wir die Women's Studies auch nicht von anderen Disziplinen isolieren. Bei der Thematisierung von gender in Indien müssen wir zum Beispiel die Geschichte Indiens und die verschiedenen Formen des Feminismus, sowie die dahinter stehenden Theorien, wie den Marxismus, den Materialismus und den Post-Modernismus betrachten. 

 

Wie bereits in meiner ersten Kurseinheit "Introduction to Social Theorie" festgehalten wurde, ist gender eine soziale Tatsache. Es gäbe deshalb Verzerrungen, wenn wir gender als Kategorie in Statistiken und Datensätzen ausblenden würden. Zum Beispiel benötigen wir diese Kategorie, um den Zusammenhang von gender und ökonomischer Ungleichheit sichtbar zu machen.

Geschlechterungleichheiten sind nicht naturgegeben, sondern Teil der sozialen Struktur, welche Ungleichheiten produziert. In Anbetracht dieser Tatsache müssen wir uns auch mit der Praxis des Heiratens auseinandersetzen und insbesondere im Kontext hinduistischer Traditionen über dowry (die Mitgift von Seiten der Ehefrau), sowie deren soziale Aspekte sprechen. Zudem lässt es sich bei sex issues in Indien nicht vermeiden, den Männerüberschuss zu problematisieren, der aus der offiziell verbotenen Abtreibung weiblicher Föten resultiert.

 

Innerhalb des Kurses "Major Themes in India" werden wir uns folgenden Themen widmen:
  • Family, Kinship and Household (Familie, Verwandtschaft und Haushalt), inkl. der Praxis des Heiratens und dem zusätzlichen Einfluss der Modernisierung des Agrarsektors auf die Ausbeutung von Frauen.
    + Debates on Sexuality (Debatten über Sexualität).
  • Nation and Community; Constitution and Law as Subversive Sites (Nation und Gemeinschaft; Verfassung und Gesetz als subversive Bereiche)
  • Voices, Memory and Writings; Myths, Media and Markets (Äußerungen, Erinnerungen und Schriften; Mythen, Medien und Vermarktung) - es gilt die Art der Geschichtsschreibung zu dekolonialisieren und sowohl die Auswirkungen der Globalisierung, als auch "Modernität" als europäisches Konzept zu thematisieren.
  • Caste, Class and Community  (Kaste, Klasse und Gemeinschaft), denn wenn wir intersektional vorgehen, können wir viele Fragen in verschiedenen Disziplinen beantworten - We can't do gender without class, caste and sexuality. 

Wenn wir uns mit diesen Thematiken auseinander setzen, ist es wichtig zu verstehen, wie und von wem das Wissen, welches unseren Alltag strukturiert, produziert wurde/ wird und welche politischen Interessen mit dem dominierenden Wissenssystem verbunden sind.