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Gandhi, Women and the Nationalist Movement

 

Wenn wir aus der Gender-Perspektive auf die nationalistischen Politiken während der Kolonialzeit in Indien schauen, können wir erkennen, welche Rolle die Konstruktion von Gender- bzw. Weiblichkeitsnormen bei dem Kampf um einen unabhängigen Nationalstaat gespielt hat. Dies war auch die Thematik unserer ersten beiden Assignments (Prüfungsleistungen) im Modul "Women’s Movements in India".

 

Innerhalb der Debatte um die Beziehung zwischen Gandhi, seinem Frauenbild und der nationalen Bewegung (Swadeshi) gibt es Stimmen, die betonen, dass Gandhi als Feminist bezeichnet werden kann, da er den Status von Frauen verbessert und ihnen die Möglichkeit gegeben hat, sich politisch zu engagieren. Tatsache ist jedoch, dass Gandhi den Status von Frauen lediglich durch die Aufwertung ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter verbessert und dabei die Frauenbefreiung mit dem Unabhängigkeitskampf verknüpft hat. Mittels traditioneller Symboliken und Mythen, die mit seinem eigenen Idealbild von Weiblichkeit übereinstimmten, gelang es ihm, Frauen dazu zu motivieren, Teil der nationalen Bewegung zu werden. 


Gandhis Streben nach "Geschlechtergerechtigkeit" beruhte auf der Naturalisierung einer essentialistischen Komplementarität zwischen Frauen und Männern: beide hätten den gleichen Stellenwert, seien jedoch nicht identisch. Mittels diesem Argument legitimierte er die Rolle "der Frau" im Haushalt, die ihr dazu verhelfe, ihre femininen Qualitäten zu entfalten und zu kultivieren. Aufgrund dieser femininen Qualitäten und diverser Leiden, die "eine Frau" ausstehen müsse, sei sie Männern laut Gandhi überlegen. Die Aufwertung der sowohl feminin als auch negativ konnotierten Attribute wie Schwäche, Leid und Emotionalität verhilft dem Patriarchat jedoch in erster Linie zu seiner Wiederbelebung und rechtfertigt die Ausgrenzung von Frauen aus der öffentlichen Sphäre.

 

Gandhi legitimierte den Platz von Frauen in der häuslichen Sphäre, indem er ihnen eine besondere politische Rolle in seiner Ideologie zuschrieb: Die der als Mutter und Ehefrau. Er übte jedoch auch radikal Kritik an hinduistischen Bräuchen, die Frauen in der Gesellschaft unterdrückten und entwickelte für die neue Nation ein neues Konstrukt der "modernen Frau", das der "Königin des Haushalts". Um ihre Unschuld (hier: purity) nicht zu gefährden, sollten Frauen – ebenso wie Kinder – nicht (in der Öffentlichkeit) arbeiten.

Da die Befreiung von der Kolonialmacht ohne die Einbeziehung von Frauen jedoch nicht möglich war, wurde das Spinnrad zum Symbol der politischen Partizipation von Frauen und gleichzeitig auch zum Symbol ihrer Keuschheit. Gandhi konnte seine nationale Politik somit in den Haushalt einführen, ohne in die häusliche Sphäre einzugreifen. 


Gandhis Idealbild von Weiblichkeit war von seiner sozialen Klasse, seiner Kaste und seiner religiösen Ideologie geprägt und wurde zudem von den "modernen" Ideen der viktorianischen Era beeinflusst. Seine Rekonstruktion von Weiblichkeit verkörpert also vielmehr eine Kontinuität der Ideen von Reformern des 19. Jahrhunderts.

Gandhis Ideologie wurde vor allem von Frauen der Mittelklasse genutzt, deren männliche Familienangehörige bereits Teil der nationalen Bewegung waren.

 

Neben hinduistischen Bräuchen, wie dowry (Mitgift), sati (Witwenverbrennung) und child marriage kritisierte Gandhi auch die zeitgenössische Form der Ehe, welche auf Lust und Leidenschaft basierte. Ihm zufolge seien Ehe und Sex nur Mittel der Reproduktion, Sex ohne Reproduktion abartig und Ehe ohne Reproduktion überflüssig. Er spricht Frauen ihr sexuelles Verlangen ab und bezeichnet sie als Slaven der männlichen Lust. Gleichzeitig behauptete er, Frauen könnten eine höhere Spiritualität erreichen, wenn sie ihrer Sexualität widerstünden und in Keuschheit leben würden. Er bezeichnete sexuelle Anziehung als Schwäche und konstruierte ein neues Idealbild von Weiblichkeit: das Leben als Witwe, welche einem Ehe-Leben mit Sex, Reproduktion und Familie abschwört. 


Während des politischen Widerstands gegen die britische Kolonialmacht in den 1930ern erkannte Gandhi das Potential der Partizipation von Frauen in der Öffentlichkeit und veränderte in Folge dessen sein Frauenbild. Nun forderte er Frauen dazu auf, Teil der Öffentlichkeit zu werden – allerdings nicht auf eine männliche Art und Weise, wie die Suffragetten. Vielmehr sollten sie mit ihrer "moralischen Stärke" und ihrem "gewaltlosen Charakter" in der Öffentlichkeit agieren. Er gab Frauen die Möglichkeit, zwischen einem Familienleben oder einem Leben in der Öffentlichkeit zu entscheiden – während Männer dazu berechtigt waren, ein Sexual- und Familienleben zu führen UND in der öffentlichen Sphäre politisch aktiv zu sein. Diese neue Regelung kann im Kontext der damaligen Verhältnisse trotzdem als progressiv bezeichnet werden, da Frauen nun zugestanden wurde ein Leben in der Ehe zu verweigern und sich in der Öffentlichkeit politisch zu engagieren.

 

Gandhi scheiterte jedoch mit seiner Intention den Status von Frauen in der Gesellschaft zu verändern, da er sich nur um eine Veränderung der moralischen Verhältnissen und nicht um die der materiellen bemühte. Er konnte den Ursprung der Unterdrückung von Frauen nicht ausmachen, da er diese Problematik in erster Linie als eine Erweiterung der nationalen Frage ansah. Die Bewahrung von Weiblichkeit erhielt dadurch sowohl in seiner Ideologie, als auch im Unabhängigkeitskampf einen hohen Stellenwert.
Gandhi war nicht in der Lage, aus seiner klassenspezifischen Ideologie über Weiblichkeitsnormen auszubrechen und konstruierte lediglich ein neues Frauenbild, welches seiner Auffassung entsprach, wie eine Frau zu sein habe. In dem Glauben, der Hinduismus erreiche seine Perfektion im keuschen Leben einer Witwe, kreierte er eine sittenstrenge und asketische Kali (Im Hinduismus die Göttin des Todes und der Zerstörung, aber auch der Erneuerung).

 

Quelle: Patel, Sujata (1988): Construction and Reconstruction of Woman in Gandhi.