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Thematiken meiner Kurse und Prüfungsleistungen

 

Während meines Auslandssemesters am Women’s Studies Centre der Savitribai Phule Pune University belegte ich drei Kurse/ Module des Masterstudiengangs „Gender, Culture & Development“. In jedem Modul hatten wir während des Semesters vier bis sechs verschiedene Prüfungsleistungen zu erbringen, deren Inhalte und Anforderungen häppchenweise bekannt gegeben wurden, nachdem die ersten Wochen des Semesters verstrichen waren. Eine der jeweiligen ersten Prüfungsleistungen war der Mid-Semester Test, welcher innerhalb des zweiten Monats vom Semester in allen drei Modulen anstand. Anschließend folgten für mich 12 weitere Prüfungsleistungen, die mich zum Teil tagelang an den Schreibtisch fesselten.


Als ich im Juli in Pune ankam, belegte ich zunächst nur ein Modul des dritten Semesters, WS11: Major Themes in India. Die Kurse des ersten Semesters starteten in diesem Jahr erst ende August, während das dritte Semester bereits in der 2. Juli Woche begonnen hatte. Bis ich erfuhr, welche Prüfungsleistungen ich im Modul WS11 absolvieren musste, war die Eingewöhnungsphase für mich erst einmal relativ entspannt. Mir wurde zunächst mitgeteilt, dass ich mir ein Thema auszusuchen sollte, über welches ich innerhalb des Semesters neun verschiedene Artikel lesen und zum ende des Semesters einen Essay schreiben wollte. Eine Woche später bekam ich dann den Auftrag, innerhalb der nächsten 10 Tage jeweils eine Zusammenfassung von den ersten drei Artikeln, die ich bereits gelesen haben sollte, zu schreiben. (Die nächsten zwei Prüfungsleistungen bestanden ebenfalls aus jeweils drei verschiedenen Zusammenfassungen der von mir ausgewählten Artikel.)

Da ich mich vor allem für koloniale Einflüsse auf Geschlechter- und Sexualitätsnomen interessiere, schrieb ich meinen Essay am Ende des Semesters zu der Fragestellung How did the colonial period impact sexuality norms and gender-variant identities in India? (Wie hat die Kolonialzeit Sexualitätsnormen und verschiedene gender-Identitäten beeinflusst? )

Eine weitere zu absolvierende Prüfungsleistung in diesem Modul bestand aus einem Referat, dessen Thematik uns innerhalb des Semesters zugeteilt wurde. Ich bekam einen sehr anspruchsvollen Artikel über die ausbleibende Strafverfolgung bei sexueller Gewalt in ethnischen und kommunalen Konflikten sowie bei Massenverbrechen. Dieser 20 seitige Artikel – der diverse Begriffe und Vokabeln enthielt, die mir bisher fremd waren – bereitete mir zunächst einige Qualen, bereicherte mein Wissen über diese Thematik jedoch ungemein. Nach einer Phase der Verzweiflung gelang mir die Präsentation auch wesentlich besser als erwartet.


Im Modul W29: Women’s Movement in India, bestand die erste Prüfungsleistung aus einer „class discussion“ über die Beziehung zwischen Gandhi, der Konstruktion von Weiblichkeit und der Nationalistischen Bewegung. Hierfür bereitete jede Gruppe einen vorgegebenen Artikel vor, deren Inhalt wir während der Sitzung vorstellen mussten. (Die wichtigen Punkte von meiner Präsentation habe ich in meinem Blog-Artikel Gandhi, Women and the Nationalist Movement zusammengefasst.) Eine andere „class discussion“ drehte sich um die Statements verschiedener Vereinigungen von Sex-Arbeiter*innen in Indien. Zu dieser Prüfungsleistung gehörte auch eine knappe Zusammenfassung, die im Anschluss einzureichen war.

Einer der Prüfungsleistungen des Moduls bestand aus einem 2-Seitigen kritischen Essay zu einer von mehreren feministischen Kampagnen in Indien und ihren Plakaten. Ich entschied mich für eine Anti-Vergewaltigungs-Kampagne und kritisierte Plakate, welche sich nur an Frauen der oberen Klasse, bzw. Kaste richteten und diese dabei stark bevormundeten. Aus meinem Kurs hatte ich das Wissen mitgenommen, dass Frauen der unteren Kasten für viele als unrein und somit als „unrapable“ gelten, wodurch es bei der Vergewaltigung von Mitgliedern dieser Communities selten zu einer Strafverfolgung komme. Auf den Plakaten dieser Kampagne waren diese Frauen und ihre Erfahrungen unsichtbar.

Die letzte Prüfungsleistung in diesem Modul war eine Buchrezension. In Zweiergruppen bekamen wir jeweils ein Buch feministischer Forschung zugeteilt. Ich erarbeitete meine Rezension mit einer Kommilitonin aus Nepal über das Buch „making a difference: memoirs from the women’s movement in India" (hrsg. Ritu Menon). Dieses Buch ist eine Sammlung von Lebensgeschichten 20 verschiedener indischer Feministinnen und enthält eine Reihe persönlicher Erlebnisse, die an politische und historische Ereignisse gekoppelt sind. Es vermittelt eine Menge Informationen über verschiede linke, feministischen und andere soziale und politische Bewegungen der letzten Jahrzehnte, sowohl auf lokaler, als auch auf globaler Ebene.


Im Modul WS3: Gendering Social History beschäftigten wir uns mit der Geschichte Indiens aus der Gender Perspektive. Es ging in erster Linie um den Einfluss des Kolonialismus auf die Geschichtsschreibung Indiens und die Kategorisierung von Bräuchen und Traditionen im modernen Indien. Ich erfuhr, wie lokal-spezifische Bräuche und Praktiken im heterogenen Indien durch den Einfluss kolonialer Kodierungen und Gesetze politisch aufgeladen und vereinheitlicht wurden. Als Beispiel diente der soziale Hintergrund der dowry-Praxis (die Mitgiftpflicht bei der Verheiratung von Frauen), welche vor der Kolonialzeit in einigen Gegenden vom männlichen Partner zu errichten war und in anderen Regionen wiederum gar nicht gezahlt wurde. Durch die koloniale Universalisierung hinduistischer Bräuche wird sie heute nur noch bei der Verheiratung von Frauen gezahlt. Auch der Einfluss des Kapitalismus spielte eine entscheidende Rolle bei der Transformation der dowry-Praxis, da der allgemeine Wert der Mitgift um ein Vielfaches angestiegen ist. Die mit dieser Praxis einhergehenden Problematiken sind das Abtreiben weiblicher Föten, sowie Infantizide, und der daraus resultierende Frauenmangel in Indien. 

Besonders interessierte mich die Strategie, mit welcher britische Kolonialherren die Frauenfrage dazu nutzten, ihre Zivilisierungs-Interventionen auf dem indischen Subkontinent zu rechtfertigen: Sie luden die wenig verbreitete sati-Tradition (Witwenverbrennung) symbolisch auf, um die Kolonisierten als barbarisch und sich selbst als zivilisiert zu konstruieren. Anhand der Art und Weise wie die Sati-Debatte damals geführt wurde, lässt sich erkennen, dass es nicht darum ging den Status von Frauen zu verbessern. 

 

Für eine meiner Prüfungsleistungen in diesem Modul (ein Gruppen-Referat) befasste ich mich mit der im letzten Jahrhundert kontrovers geführten Debatte zum Frauenwahlrecht und der Frauenquote im indischen Parlament. Die Überschneidungen zwischen kolonialen und nationalistischen Interessen spielten bei der Quotierung eine ebenso große Rolle, wie Fragen zur Kastenzugehörigkeit und die Konflikte bezüglich des indischen Kommunalismus‘.

Die nächste Prüfungsleistung sollte uns bewusst machen, welche unterschiedlichen Variablen Einfluss auf den Bildungsweg verschiedener Menschen haben können. Wir bekamen als Arbeitsgruppe den Auftrag, fünf Personen (weiblich, männlich und wenn möglich auch nicht-binär) aus drei Generationen, mit verschiedenen sozial-ökonomischen Hintergründen zu ihren Erfahrungen mit dem Bildungssystem zu interviewen. Als wir unsere Ergebnisse im Kurs präsentiert hatten, folgte eine von unserer Dozentin initiierte Diskussion zu kulturellem Kapital, welches starken Einfluss darauf hat, welchen Bildungs-und Lebensweg eine Person einschlägt. Sie erzählte uns bei dieser Gelegenheit auch von ihren Erfahrungen als Mitglied einer der untergeordneten Kasten.

Am letzten Tag des Semesters – ich hatte gehofft, dass die letzte Prüfungsleistung von der Dozentin vergessen worden war – erhielt ich noch einen Artikel, den ich nun übers Wochenende bearbeiten musste.


Welcome to the Indian education system!  war ein Satz, den ich regelmäßig zu hören bekam, wenn ich mich über den Stress und die mangelnde Struktur in der Uni beklagte. Doch auch wenn die Anforderungen mich hin und wieder stark unter Druck gesetzt und gestresst haben, war dieses Auslandssemester nicht nur kognitiv eine unglaubliche Bereicherung für mich. 

 

Nach vier Monaten Indian education system habe ich das entspannte Studierenden-Leben in Deutschland außerdem richtig zu schätzen gelernt, und bin sehr froh, dass Privileg zu haben, in Deutschland studieren zu können. Während ich mich nämlich am Sonntagabend von Pune verabschiede, um Richtung Goa aufzubrechen, werden sich meine Kommilitoninnen – von denen einige schon kurz vorm Burnout stehen, oder gerade mit Dengue Fieber im Bett liegen – auf ihre End-Klausuren vorbereiten müssen, welche Austauschstudierenden glücklicherweise erspart bleiben.